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Junior heißt nicht jung

10. Juni 2026

„Senior“ und „Junior“ sind in unserer Branche erstaunlich bedeutungslose Wörter. In vielen Firmen wird man nach zwei oder fünf Jahren automatisch hochgestuft — nicht, weil jemand hingesehen hätte, sondern weil die Personalabteilung eine Gehaltserhöhung begründen muss. Schall und Rauch.

Ich meine etwas anderes, wenn ich „Senior“ sage. Ein Senior ist jemand, der den Job lange und mit Erfolg gemacht hat — funktionierende Projekte, zufriedene Kunden. Nicht fehlerfrei; fehlerfrei ist kein Programm außer „Hello World“. Der Senior ist jemand, der vor allem eines kann: seine eigenen Grenzen messerscharf erkennen.

Ich stelle mir das als Weltkarte vor. In meinem Gebiet — bei mir ist das der .NET-Stack — kenne ich die Kontinente, die Länder, die Hauptstädte, die kleinen Nebenstraßen. Setz mich irgendwo ab und verbinde mir die Augen: Ich finde nach Hause. Am Klang, am Gefühl unter den Füßen. Aber daneben gibt es Regionen, in die ich nur ein paar Reisen gemacht habe. Da weiß ich, dass es sie gibt — aber nicht, wo die großen Städte liegen oder wo die Schleichwege sind.

Und genau hier wird „Junior“ interessant. Junior heißt nicht jung. Junior heißt neu in einer Technologie. — Wie ein Tourist im fremden Land. Oder ein Auswanderer in der neuen Heimat. — Sag mir „Mach Java“, und ich bin Junior — ganz gleich, wie viele Jahre ich auf dem Buckel habe. Ich kenne die Weltkarte dann nicht. Ich muss sie lernen, Straße für Straße, durch Üben und Fehler. Ein Achtzehnjähriger, der sich seit sechs Jahren in eine Sache verbissen hat, kann in dieser Sache längst Senior sein. Es geht um Erfahrung, nicht um Alter.

Warum das jetzt zählt? Weil die KI, nüchtern betrachtet, ungefähr auf Junior-Niveau arbeitet, hier insbesondere bezogen auf die Mischung aus Wissen und Intuition! (Im Bereich des bloßen „Wissens“ ist die KI jedem Senior überlegen, unerreichbar.) Die KI liefert — und man muss genau hinsehen, ob das Gelieferte stimmt. Ein menschlicher Junior lernt dabei und wird zum Senior. Die KI nicht: neuer Kontext, neue Session, von vorn. Keine Erinnerung. Irgendwann eine neue Version vom KI-Modell, aber auch die hat keine direkte Erinnerung an die Projekte, an denen ES beteiligt war — das große „ES” ist Absicht: ein kleiner, gewollter Bruch mit der Rechtschreibung, der daran erinnert, dass hier keine Person mitarbeitet, sondern eine Maschine.

Damit steht eine Frage im Raum, die ich hier bewusst offen lasse, weil sie groß ist: Wenn die KI die Junior-Arbeit übernimmt — wer kann sie dann noch beurteilen? Mein Verdacht ist, dass das Knappe in den nächsten Jahren nicht die Arbeitskraft sein wird, sondern das Urteil. Also der Senior. Aber wo der herkommen soll, wenn die Junior-Stufe wegfällt, ist eine andere Geschichte. Eine, die mir Sorgen macht.

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