In einem früheren Text habe ich einen Satz stehen lassen und ein Versprechen daran gehängt: dazu später mehr. Der Satz war: Durch den Einsatz von KI verschwindet die Komplexität nicht — sie wird in Risiko umgewandelt. Hier ist das „später”.
Fangen wir bei der Rechnung an, die diese Verwechslung so verführerisch macht. Ein erfahrener Mensch, ausgestattet mit KI, statt eines ganzen Teams: Das sieht auf dem Papier aus wie eine saubere Einsparung. Auf den ersten Blick funktioniert es sogar wie ein Team aus Junioren — Aufgabe rein, Ergebnis prüfen, weiter.
Nur: Bei der Menge, die die Maschine liefert, fehlt die Zeit, jedes Ergebnis wirklich in die Tiefe zu prüfen. Der Blick nach unten geht verloren. Man vertraut der Maschine — nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil die schiere Menge es erzwingt. Das ist es, was „Vibe Coding” genannt wird: Das Ergebnis „fühlt sich gut an”, aber das Gefühl gründet sich nicht auf Prüfung, Analyse und Fakten. (Dazu ein andermal mehr.)
Und hier ist nun der Punkt: Eine komplexe Aufgabe wird nicht dadurch einfach, weil eine Maschine sie bearbeitet. Was sonst am menschlichen Team hängt — die Architektur vorauszudenken, an den einen Sonderfall zu denken, der alles in eine andere Richtung treibt, zu wissen „hier braucht der Kunde später einen Knopf”, modular zu bauen, damit spätere Änderungen nicht das halbe Haus einreißen — all das entsteht bei der KI nicht von selbst. Keine Absprache im Flur, kein verkörpertes Wissen über das Projekt. Jede neue Sitzung (KI Session/Chat) beginnt bei null.
Dazu kommt: Die Maschine sagt nie „Stopp, so geht das nicht”. Sie liefert immer die wahrscheinlichste Lösung — nicht zwingend die richtige. Also bleibt die Komplexität, die niemand vorausgedacht hat, unsichtbar. Bis sie sich zeigt. Und sie zeigt sich als Risiko.
Das ist die eigentliche Verschiebung. Komplexität ist am Anfang, mit Erfahrung und Ruhe, handhabbar — dafür gibt es jahrzehntelange Erfahrung und erprobte Vorgehensmodelle für die unterschiedlichsten Situationen (Agile, Wasserfall, …). Das Risiko dagegen, um das es mir hier geht, taucht erst am Ende auf und wächst dann schnell, weil kaum noch Zeit bleibt, es einzufangen. Was du vorne an Komplexität „gespart” hast, setzt du hinten an Risiko zu. Und da sich „hinten” durch knappe Zeit der Druck auf das Entwicklungsteam erhöht, erscheint das Risiko letztlich sogar potenziert. Nur: Das vordere Sparen ist sichtbar, das hintere Risiko nicht. Deshalb fühlt es sich wie ein Gewinn an — bis die Rechnung kommt.
Ich will das nicht als Naturgesetz verkaufen. Es ist ein Bild, kein Beweis; man kann dagegen arbeiten. Aber genau das ist der Haken: Dagegen zu arbeiten kostet exakt die Aufmerksamkeit und die Prüfung, die die schöne Einsparung wegrechnen wollte.
Deshalb ist die spannende Frage für mich nicht „Wie schnell baut die KI?”. Sie lautet: Wie holst du das Risiko nach vorne, bevor es am Ende teuer wird?
Eine fertige Antwort gebe ich hier nicht — nur die Richtung: früh und regelmäßig hinsehen, statt der Maschine am Ende zu glauben, wenn sie „fertig” meldet. Wie genau man das anstellt, ohne die Geschwindigkeit gleich wieder aufzufressen, hebe ich mir für einen eigenen Text auf.
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