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Die Geschichte hinter der Software fehlt

10. Juni 2026

Ich erinnere mich an Projekte, die ich vor Jahren selbst gebaut habe, erstaunlich genau. Nicht nur, was dabei herauskam — sondern der Weg dorthin: die Sackgassen, die durchdachten Nächte, die Diskussionen mit Kollegen, der eine Fehler, der mich zwei Tage gekostet hat und den ich nie wieder gemacht habe.

An die Dinge, die ich in den letzten Monaten mit KI gebaut habe, erinnere ich mich kaum. Ich weiß noch, was ich wollte. Aber die Zwischenschritte? Vage, einzeln stehend, ohne Zusammenhang. Ich kann daraus keine Erzählung machen.

Lange habe ich nicht verstanden, warum. Inzwischen glaube ich: Es fehlt die Geschichte hinter der Software.

Diese Geschichte — das investierte Ringen, das Verwerfen, das „ach, so hängt das zusammen“ — ist nicht bloß Nostalgie. Sie ist das Verständnis. Wer ein System gebaut hat, trägt seine Logik im Körper, nicht nur im Kopf. Man findet sich darin zurecht wie in der eigenen Wohnung — auch im Dunkeln, ohne nachzudenken.

Wenn die KI baut, entsteht diese Geschichte trotzdem — nur nicht in mir. Sie steckt in der Maschine: in den vielen kleinen „das muss ich nochmal prüfen“, „das war falsch, ich korrigiere“, den Schleifen und Korrekturen. Das wären genau die Erinnerungen gewesen, die mir ein Gefühl für das System geben. Sie laufen ab, aber sie haften nicht an mir.

Wieder ein Bild dafür: Es ist ein Unterschied, ob ich eine mir fremde Stadt mit einem Tourist Guide erkunde oder allein. Drei Tage mit dem Guide haben nicht denselben Effekt wie drei Tage auf sich allein gestellt die neue Umgebung zu erforschen. Der Guide führt, er weiß um die Wege, er kennt die places of interest. Die kenne ich nach der Führung auch, aber wie ich von A nach B komme, das habe ich nicht in der Erinnerung, wenn, dann nur vage.

Zurück zum Thema: Das ist die unbequeme Kehrseite der Geschwindigkeit. Nach ein paar Monaten sitze ich vor einem System, das ich bei der Maschine in Auftrag gegeben habe — und es ist mir fast so fremd wie ein über Jahre gewachsenes Projekt, das mir ein Kunde zur Pflege übergibt. Mit dem Unterschied, dass dieses hier mein eigenes ist.

Man kann das wegwischen: Hauptsache, es läuft. Bei einem Wegwerf-Werkzeug stimmt das auch. Aber bei etwas, das bleiben und wachsen soll, ist fehlendes Verständnis kein Komfortverlust — es ist ein Risiko, das sich erst Monate später zeigt, wenn etwas geändert werden muss und niemand mehr weiß, warum es so gebaut ist, wie es gebaut ist. Problematischer noch: Wenn etwas funktionieren soll, was in der umgesetzten Architektur niemals funktionieren wird. Ich stelle mir vor, dass ein Feature beauftragt wurde, das aber einen Sonderfall hat, der der Maschine durchgerutscht ist, der aber die Architektur der Software grundlegend verändert hätte. Was dann? Wer löst das Problem? Wer sagt es dem Auftraggeber? „Das müssen wir erst umsetzen. Dauert mindestens x Wochen.“

Es sollte sich niemand der Illusion der KI-Geschwindigkeit hingeben. Durch Einsatz der KI verschwindet die Komplexität nicht, sie wird in Risiko umgewandelt. Während Komplexität handhabbar ist, ist es Risiko nicht. Das weiß jeder Aktienanleger. Das Risiko muss ausgeglichen / „mitigiert“ werden. Das ist der Preis für die Einsparung an der Zeit, die das Entwicklungsteam oder die Architekten sonst hätten investieren müssen, was also die KI übernommen hat. Dazu später mehr.

Ich habe darauf keine fertige Antwort. Nur eine Richtung: Verständnis entsteht nicht mehr von allein, als Nebenprodukt des Tippens. Wenn das Bauen woanders passiert, muss man sich das Verständnis bewusst zurückholen — als eigene Arbeit, nicht als Geschenk. Wie genau, ist eine Frage, an der ich selbst arbeite. Dass es nötig ist, daran habe ich keinen Zweifel mehr.

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